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Der Juryreport vom 24.01.2020

Der komplette Report zu allen Städten kann hier heruntergeladen werden. Der Report ist in englischer Sprache verfasst und es gibt keine offizielle Übersetzung. Da wir wissen, dass nicht alle UnterstützerInnen unserer Region der englischen Sprache mächtig sind, haben wir im Folgenden eine deutsche Übersetzung des unsere Bewerbung betreffenden Teils angefertigt. Diese Übersetzung dient allein der inhaltlichen Orientierung und ist nicht autorisiert. Bitte legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage, stilistische Feinheiten aus dem Englischen sind ohne Frage nicht ganz 1:1 wiedergegeben. Unser Statement zum Report findet Ihr unter Aktuelles.
 

Zittau

Die Stadt Zittau hat im Mai 2019 kulturpolitische Richtlinien verabschiedet. Sie ist derzeit auf halbem Wege im Prozess der Entwicklung ihrer Kulturstrategie. Dieser Prozess berücksichtigt auch die "Leitlinien der kulturellen Entwicklung" des Kulturraums Oberlausitz - Niederschlesien. Das Bid-Book liefert diesbezüglich recht allgemeine Informationen. Es ist daher schwierig, zwischen der allgemeinen kulturellen Entwicklung und den spezifischen Zielen der ECoC-Initiative zu unterscheiden. Die Entwicklungsvision für Zittau und die 3-Länder-Region ist nicht deutlich genug dargestellt. Der Aufbau der Leistungsfähigkeit wird im Bid-Book nicht beschrieben – eine wesentliche Schwäche, insbesondere angesichts des ehrgeizigen Plans zur Beteiligung der drei benachbarten, aber sehr unterschiedliche Länder. Die Bewerbung enthält einige vorläufige Pläne zur Evaluierung sowie erste Ideen für externe Partnerinstitutionen in dieser Hinsicht. Die Idee, die wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Einflüsse des ECoC-Projekts zu untersuchen ist zwar interessant, jedoch unklar, zudem wird die europäische Dimension findet in diesen erwarteten Auswirkungen keine Berücksichtigung.

Aus der Bewerbung geht jedoch klar hervor, dass die Stadt positive Schritte zur Entwicklung ihres kulturellen Profils gemacht hat und diese Schritte sind es wert, fortgesetzt zu werden.

Zittau mit der 3-Länder-Region hat großes Potential auf bereits bestehender, formeller und nicht formeller, grenzüberschreitender Zusammenarbeit aufzubauen. Das Potential des ECoC-Projekts hinsichtlich seiner geographischen und sozialen Reichweite war jedoch nicht klar ausgeführt. Die Bewerbung beabsichtigt, die Zusammenarbeit zwischen den drei Ländern zu entwickeln, aber dieses Ziel wird in den ECoC-bezogenen Aktionen und künstlerischen Plänen nicht sichtbar. Es gab keine (überzeugende) Erklärung zu der Auswahl der "Partnerländer" für das kulturelle und künstlerische Programm. Folglich konnte die Jury nicht beurteilen, auf welche Weise diese Partnerländer die ECoC –Mission unterstützen und stärken können. ECoC-bezogenen Aktionen. Für die ECoC-Initiative relevante Europäische Themen wurden nicht zufriedenstellend erklärt und es gibt keine sichtbare Strategie zur Erreichung eines europäischen und internationalen Publikums (auch aus den Nachbarländern). Das Gremium war der Ansicht, dass die Erfahrungen der vergangenen und gegenwärtigen ECoCs als Grundlage für Zittau’s Bewerbungsvorbereitung nicht sorgfältig genug untersucht wurden. Die Idee, die Zusammenarbeit mit Partnerstädten auszuweiten, ist ein positives Element, aber auch eine sehr standardisierte Vorgehensweise.

Nach Ansicht der Jury war der gesamte Programmansatz der Bewerbung nicht spezifisch genug, um einen Idee von den kulturellen und künstlerischen Ambitionen von Zittau 2025 zu vermitteln. Die konzeptionellen Richtlinien: "Erinnern", "Lernen", "Erleben" und "Erschaffen" sind im Allgemeinen angemessen, die Themen '365°LEBEN' und '365°EUROPE' jedoch sind zu rätselhaft. Der Plan 2025 jeden Monat ein anderes Land einzuladen, um sich zu präsentieren, garantiert weder ein kohärentes künstlerisches Programm, noch erweitert es die internationale Zusammenarbeit der regionalen und lokalen Künstler. Zwölf thematische Schwerpunkte zu behandeln, anstatt die Gelegenheit zu bieten europäische Vielfalt zu zeigen, kann zur Stärkung kultureller Stereotypen beitragen. Die vorgeschlagene Programmstruktur ist zu einfach für das ECoC-Projekt, selbst für die Vorauswahlphase.

Die Bewerbung wird durch eine Absichtserklärung unterstützt, die bisher von 20 Gemeinde- und Städtepartnern unterzeichnet wurde. Zittau war zuversichtlich, dass noch weitere folgen werden. Das Engagement der regionalen Behörden hingegen ist unklar. Mit der Umwandlung der leerstehenden Industrieanlage von Robur in einen Ort der Erinnerung und des Dialogs; die Schaffung eines Europäischen Kreativitätszentrums und der Idee, 12 Architekten zu bitten innovative Konzepte für 12 leere Gebäude zu entwickeln gibt es einige mutige Investitionspläne. Diese Ideen sind es wert, weiterentwickelt und umgesetzt zu werden. Was die Unterbringung und die Transportmöglichkeiten betrifft, so war die Jury nicht überzeugt von der Fähigkeit der Bewerberstadt und der Region die möglichen erhöhten Besucherzahlen, die sich aus dem ECoC-Titel ergeben, aufnehmen zu können.

Die Jury begrüßt, dass sich die lokale Bevölkerung in Form eines Referendums sowie eines vorausgegangenen Junior-Referendums den Wunsch geäußert hat, dass die Stadt sich um den ECoC-Titel bewirbt. Die Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich mit Projektideen und bildeten einen Freundeskreis - ein deutliches Signal ist, dass die lokale Bevölkerung nach kulturellen Möglichkeiten sucht. Ein weiterer positiver Schritt ist die Organisation einer regionalen Ideenkonferenz mit Teilnehmern aus der unabhängigen und institutionellen Kunstszene sowie aus dem Bildungs-, Politik- und Wirtschaftsbereich sowie dem gesamten Kulturraum. Diese Herangehensweise ist ein sehr positiver und angemessener Ansatz, wurde jedoch noch nicht in konkrete ECoC-Pläne übersetzt. In Bezug auf audience development gibt es bereits bestehende Möglichkeiten für benachteiligte Gruppen und den Willen, Minderheiten einzubeziehen. Im Allgemeinen jedoch sind die Ideen hinsichtlich der audience development zu grundlegend und gehen nicht über die Erreichung eines lokalen Publikums hinaus.

Das vorgeschlagene Budget beträgt 45.710.000 €. Die erwarteten Beiträge des Freistaates Sachsen und von der nationalen Regierung belaufen sich auf 22.270.000 € bzw. 22.270.000 und 20.000.000. Diese Beiträge sind recht hoch, wenn man bedenkt, dass die Bewerbung nicht nur Akteure aus einem, sondern aus drei Ländern einbezieht. Der Beitrag von die Stadt Zittau ist mit 1.010.000 € minimal (d.h. 2,3% der Einnahmen aus dem öffentlichen Sektor), während es keine Hinweise auf den potenziellen Beitrag der zwei weiteren beteiligten Länder gibt. Die Pläne für Kapitalinvestitionen sind hoch - 185.790.000 € -, aber durch die mögliche Verwendung von EU-Regionalfonds möglich. Die Managementstruktur ist nicht kohärent mit Blick auf das kulturelle und künstlerische Programm und dem Konzept der Einbeziehung von drei Länder. Die Marketing- und Kommunikationspläne spiegeln eher die aktuelle regionale Praxis wider als das sie sich mit Aspekten befassen, die mit der Sichtbarkeit eines Projekts von der Größe und der Reichweite einer Kulturhauptstadt Europas zusammenhängen.

 

Fazit

Die Jury empfiehlt nicht, dass die Bewerbung von Zittau in die Endauswahlphase geht. Das Gremium würdigte die wichtige Arbeit, die in dieser Grenzregion seit 1945 geleistet wurde und den Willen, die gegenwärtigen regionalen Komfortzonen zu verlassen. Hinsichtlich grenzüberschreitenden Schwierigkeiten und Kooperation hat Zittau wichtige Geschichten zu erzählen, von denen ganz Europa lernen kann. Das Panel würdigte den Enthusiasmus und die Energie des Projektteams, das Engagement des Bürgermeisters sowie die künstlerischen und erzählerischen Elemente der Präsentation. Es war jedoch der Ansicht, dass das Bid-Book nicht ausreichend entwickelt war. Das lokale Potenzial (zum Beispiel starke kulturelle Akteure in der Region) wurde in den ECoC – Plänen nicht vollständig reflektiert. Nach Ansicht des Gremiums scheint die Region noch nicht über die erforderliche Leistungsfähigkeit zu verfügen, um ein einjähriges ECoC-Programm in der erwarteten Größe und dem erwarteten Umfang zu tragen. Das Gremium möchte das Team, die Stadt Zittau und die 3-Länder-Region ermutigen aus den ECoC - Vorbereitungen Nutzen zu ziehen und weiterhin in Kultur in der Rolle des Schlüsselelements zur räumlichen Entwicklung zu investieren. Die Jury hofft, dass die Bemühungen um die Fertigstellung und anschließende Umsetzung einer umfassenden regionalen Kulturstrategie unter Einbeziehung eines breiteren Spektrums von Interessengruppen (insbesondere der Kultursektor) und der Bevölkerung des gesamten Gebiets fortgesetzt werden. 

Noch einmal der Hinweis: Diese Übersetzung dient allein der inhaltlichen Orientierung und ist nicht autorisiert. Es gilt ausschließlich die englische Originalversion des Juryreports.

Wie gestalten sich für das Team des Kulturhauptstadtbüros die nächsten Schritte und was machen die da jetzt eigentlich?

Mit und durch den Kulturhauptstadtprozess wurden innerhalb der letzten 2 Jahre unglaublich viele Ideen zur Weiterentwicklung der Stadt und der Dreiländerregion zusammengetragen. Ein Großteil dieser Ideen kommt von den Bürgern selbst. Fast all diese Ideen haben eines gemeinsam, sie zeigen in Richtung Zukunft und setzen auf mehr Miteinander. Das finden wir großartig. Diesen wertvollen Schwung nun ungenutzt im Nichts verlaufen zu lassen und einen Prozess, der mit so viel Arbeit und Herzblut in Gang gesetzt wurde, rasiermesserscharf zu beenden, ist keine Option. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen wäre es schlichtweg verantwortungslos gegenüber all den engagierten Bürger*innen, Kooperationspartner*innen, Unterstützer*innen und Sponsor*innen. Zum anderen erfordern Prozesse dieser Größe viele Schritte der Nachbereitung bzw. Fortschreibung. Dies wiederum ist mit viel Arbeit verbunden. Aber in allererster Linie möchten wir weiter nach vorn schauen und die positiven Entwicklungen, die sich aus der Kulturhauptstadtbewerbung ergeben haben, in Bewegung halten. Aus diesem Grund suchen wir gerade aktiv nach Mitteln und Wegen, wie wir so vielen Ideen wie möglich eine Zukunft geben können. Dazu erstellen wir derzeit ein Grobkonzept, das verschiedene Zielstellungen aus der Bewerbung aufgreift - zum Beispiel die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, die Nachnutzung von Leerstand (Bsp.: Baugewerkschule), die Entwicklung trinationaler Medien oder die Weiterführung grenzüberschreitender Kultur- und Infrastrukturkonferenzen. Das Konzept wird als Grundlage für die weiteren Gespräche mit dem Freistaat, dem Landkreis und den weiteren möglichen Unterstützern dienen.

Wo kann ich mich weiter engagieren?

Wir müssen weitermachen - das sagt sich auch der Freundeskreis der Kulturhauptstadtbewerbung. Pünktlich zum einjährigen Bestehen der Initiative kamen am 23. Januar 2020 weit mehr als 50 Bürger*innen zusammen, um noch einmal gemeinsam über den Ausgang der Vorauswahlrunde zu resümieren und die zukünftige Ausrichtung des Freundeskreises zu besprechen. Man ist sich einig, auch in Zukunft soll der Freundeskreis weiterhin als Plattform für engagierte Bürger*innen und deren gemeinsame Projektideen dienen. Wer Lust hat mitzugestalten ist jederzeit willkommen. Am Donnerstag, dem 27. Februar um 19 Uhr wird das nächste Treffen stattfinden, der genaue Ort wird noch bekannt gegeben.